Character Thieves by Oliver Sieber
For English please scroll down.
Character Thieves ist anlässlich der Ausstellung Asia Pop in Düsseldorf/ NRW-Forum wieder in unserem Shop erhältlich:
Mehr hier (bitte copy and paste): oliversieber.de/index.php/2022/08/20/characterthieves/
Aus:
Book Countdown #4 (28.12.2025)
Liebe Freunde,
auch heute möchte ich wieder eine Veröffentlichung aus unserer Publikationsgeschichte mit Euch teilen:
Character Thieves, Schaden com feat. Boehmkobayashi Publishing, 2007.
Noch vor unserer ersten Osaka-Residenz 2006 saßen wir immer gern in einem Café auf der Immermannstraße in Düsseldorf, das von drei spanischen Schwestern geführt wurde. In dieser Gegend herrschte ein angenehmes Nebeneinander von japanischen Supermärkten und anderen Läden. Samstags zogen die ersten Cosplayer an uns vorbei. Ich begann zu recherchieren – und fand es zunehmend spannend, mich damit näher zu beschäftigen.
Für Gruppenzugehörigkeiten und individuelle Identitäten interessierte ich mich schon lange. Bis dahin war Musik oft ein bestimmendes Element gewesen.
„Identität und Stadt“ war bereits Thema beim Citizens Handbook, und ich begann, die jungen Cosplayer bei sich zu Hause in ihrem Umfeld zu fotografieren – ebenso wie das, was mir in der Umgebung und auf dem Weg zu ihnen auffiel. Was macht ein Porträt aus? Wie erfahre ich etwas über jemanden?
Die Rollen, die die Personen cosplayten, verrieten mir durch ihre Maskierung erstaunlich viel über ihr Inneres – ganz ohne viele Worte. Ich las die Mangas, aus denen die Figuren stammten, oder sah die entsprechenden Animes. Ich sprach nicht über die Personen selbst, sondern über die Figuren, die sie sich ausliehen.
Interessanterweise erlebte ich ein weltweites Massenphänomen, das – anders als die Sub- oder Gegenkulturen, die ich bisher kannte – auf einer für Erwachsene kaum wahrnehmbaren Ebene stattfand. Die Jugendlichen kommunizierten über Chats und trafen sich dann zum Beispiel hier in Düsseldorf oder auf Conventions, wo sie unter sich in Welten japanischer Kultur eintauchten. Die Welt der Eltern funktionierte dabei wie eine Kulisse. Es war mir wichtig, diesen Kontrast zwischen Innenwelt und Außenwelt im Bild mitzudenken. Die Personen selbst freuten sich über mein Interesse, doch das Bild, das ich machte, war für sie weniger bedeutend. Sie trafen und fotografierten sich lieber selbst – etwa in japanischen Gärten oder an anderen ausgewählten Orten.
Katja und ich waren zu dieser Zeit viel auf Reisen, sodass ich dieser weltweiten Jugendkultur in Kanada, den USA, Deutschland und kurz darauf auch in Japan folgen konnte. Cosplay ist in Japan nicht wirklich öffentlich anzutreffen – anders, als man vielleicht annimmt. Für mich wurde der Zugang erst möglich durch das Stipendium, das Katja und ich im Rahmen des Düsseldorf–Osaka-Austauschs erhielten. Yasuko-san und Kaoru-san, den beiden betreuenden Kuratorinnen, die vieles für uns managten, sei Dank. Der Text von Mariko Takeuchi hat mich sehr gefreut. Sie selbst war überrascht über meine Anfrage. Danke, Mariko.
Finanziert haben wir das Buch durch den Verkauf einer Edition von C-Prints sowie durch das Angebot, die Namen der Käufer*innen im Buch zu nennen. Es folgten Ausstellungen auf der ganzen Welt, und ich habe mich sehr über das Interesse der Bundeskunsthalle Bonn, des Kunstpalasts Düsseldorf, des NRW-Forums und vieler weiterer Institutionen gefreut. Zudem gab es Besprechungen im Kunstforum sowie Beiträge in Büchern über jugendliche Stile und Phänomene.
Das letzte Bild im Buch, ein Visual Kei Cosplay des Sängers Reita von Gazette, leitet über zu Imaginary Club. Wie so oft stehen alle unsere Publikationen in Bezug zueinander.
Ein schönes Wochenende
Oliver
English:
Character Thieves is again available because of the exhibition in Düsseldorf at:
Asia Pop, NRW-Forum
More info here (please copy and paste): oliversieber.de/index.php/2022/08/20/characterthieves/
From:
Book Countdown #4 (28.12.2025)
Even before our first Osaka residency in 2006, we loved spending time in a café on Düsseldorf’s Immermannstraße, run by three Spanish sisters. The neighborhood was a pleasant mix of Japanese supermarkets and other shops. On Saturdays, the first cosplayers would walk past us. I started to research—and found it increasingly fascinating to explore this world more deeply.
I had long been interested in group identities and individuality. Until then, music had often been the defining element. “Identity and City” was already a theme in the Citizens Handbook, and I began photographing young cosplayers in their homes and surroundings, as well as what caught my eye in the neighborhood and on the way to their places. What makes a portrait? How do I learn something about someone?
The roles the cosplayers embodied revealed surprisingly much about their inner selves through their masks—without many words. I read the manga the characters came from or watched the corresponding anime. I didn’t talk about the people themselves, but about the figures they borrowed.
Interestingly, I was witnessing a global mass phenomenon that—unlike the subcultures or countercultures I knew before—took place on a level barely perceptible to adults. The young people communicated via chats and then met in places like Düsseldorf or at conventions, immersing themselves in worlds of Japanese culture. The world of their parents served as a mere backdrop. It was important to me to reflect this contrast between inner and outer worlds in my images. The cosplayers themselves were pleased by my interest, but the photographs I took were less significant to them. They preferred to meet and photograph each other—in Japanese gardens or other carefully chosen locations.
Katja and I were traveling a lot at the time, which allowed me to follow this global youth culture in Canada, the USA, Germany, and soon after, in Japan. Cosplay is not actually a public phenomenon in Japan—contrary to what one might assume. My access only became possible through the scholarship Katja and I received as part of the Düsseldorf–Osaka exchange. Many thanks to Yasuko-san and Kaoru-san, the two curators who managed so much for us. I was especially pleased by Mariko Takeuchi’s text. She herself was surprised by my request. Thank you, Mariko.
We funded the book through the sale of a limited edition of C-prints and by offering to list the names of buyers in the book. Exhibitions followed worldwide, and I was delighted by the interest from institutions such as the Bundeskunsthalle Bonn, Kunstpalast Düsseldorf, NRW-Forum, and many others. There were also reviews in Kunstforum and contributions in books about youth styles and phenomena.
The last image in the book, a Visual Kei cosplay of the singer Reita from Gazette, transitions to Imaginary Club. As often happens, all our publications are connected.